die hier vorzustellende Kamera wird im Ernemann-Katalog 1925 als Neuheit vorgestellt und als – im Vergleich mit den etablierten Ernoflex-Kameras – „einfacher konstruierte[s], dabei aber Vorzügliches leistende[s] Modell“ beschrieben. „Der sehr niedrig gehaltene Preis trotz vorzüglicher lichtstarker Optik ist überraschend“ (S. 47).
Es handelt sich um eine einäugige Spiegelreflexkamera mit Schlitzverschluss für Platten im Format 6,5x9. Das Holzgehäuse ist in Würfelform gehalten, aber für das Querformat ausgelegt; anders als die Kameraform es suggeriert, ist das Rückteil nicht drehbar – auch das sicherlich ein Zugeständnis an den niedrigen Preis. Für Hochformataufnahmen ist der Spiegelreflexsucher daher nur mit Verrenkungen nutzbar. Auch eine Verstellung des Objektivs ist nicht vorgesehen.
Nach Öffnen des oberen Deckels – dazu muss allerdings der Trageriemen einseitig ausgeklinkt werden – was für eine merkwürdige Konstruktion!) – entfaltet sich der Lederlichtschacht und gibt den Blick auf die Mattscheibe frei. Das Sucherbild ist ständig sichtbar, weil der Spiegel automatisch zurückklappt.
Fokussiert wird mittels Schneckengang, das Objektiv ist ein Ernoplast 4,5/10,5. Für Hochformataufnahmen muss die Kamera um 90° gedreht werden, dazu ist auch ein zweites Stativgewinde vorhanden. Die Motivbetrachtung wird dann zweckmäßigerweise auf der rückseitigen Mattscheibe vorgenommen.
Die Simplex-Ernoflex besitzt einen Schlitzverschluss mit dem Zeitenbereich 1/20 bis 1/1000 s. Seine Konstruktion und Bedienung ist besonders interessant. Zunächst ist festzuhalten, dass der Verschluss beim vorliegenden Exemplar noch einwandfrei läuft; bei einer 100 Jahre alten Kamera keine Selbstverständlichkeit! Die Verschlusszeiten ergeben sich, wie bei älteren SV-Konstruktionen üblich, aus einer spezifischen Kombination von Schlitzbreite und Federspannung. Die jeweiligen Werte sind aus der Tabelle auf dem Lichtschachtdeckel ersichtlich.
Die Federspannung wird wie sonst auch mit dem kleinen Drehrad unten eingestellt, im kleinen Fenster können die Werte abgelesen werden. Mit dem kleinen Hebel wird die Feder entspannt. Eine Besonderheit ist die Einstellung der Schlitzbreite: Sie erfolgt hier zugleich mit dem Verschlussaufzug. Mehrere Verschlusstücher sind in genau definierten Abständen an den Bändern befestigt, der Verschluss ist ungedeckt. Das bedeutet, dass die Schlitze beim Aufzug über das Bildfenster wandern; das ist hier kein Problem, weil der Spiegel den Strahlengang (hoffentlich hinreichend) abschließt. Die Schlitzbreite ergibt sich daraus, welches Verschlusstuch beim Aufzug vor das Bildfenster gelangt. Man kann dazu mehrmals hintereinander aufziehen; die betr. Werte sind im Feld neben dem Drehknopf ablesbar. Wenn ich das Rad nun mehrmals gedreht habe und im Sichtfenster beispielsweise die Anzeige 25 (Schlitzbreite 25 mm) erscheint, kann ich durch die Wahl der entsprechenden Federspannung (z. B. Stufe 4, wie im Bild dargestellt) die Verschlusszeit 1/60 realisieren. Nach Verschlussablauf erscheint dann automatisch die Anzeige 40 im Fenster. Nun kann ich entweder erneut auf Schlitzbreite 25 mm aufziehen – oder direkt ohne Aufzug mit der nächstgrößeren Schlitzbreite 40 mm weiterfotografieren (und bei unveränderter Einstellung die 1/25 realisieren). Der Verschlusszeitenbereich reicht von 1/20 bis 1/1000 s; längere Momentzeiten sind nicht vorgesehen, aber die Domäne von Schlitzverschlusskameras sind ja üblicherweise dynamische Motive. Langzeitbelichtungen sind natürlich ebenfalls möglich.
Ein großer Vorteil der reduzierten Ausstattung ist sicherlich, dass die Kamera vergleichsweise klein (11 x 11 x 14 cm) und leicht (ca. 1 kg) ist. Der Preis für die gezeigte Ausführung betrug lt. Katalog 190 RM; wahlweise war sie für 280 RM auch mit dem lichtstarken Ernon 3,5 zu haben. Es gab das Modell später auch in den Formaten 4,5x6 und 9x12. Die Simplex-Ernoflex wurde Ende 1926 ins Programm der Zeiss Ikon AG überführt, einzelne Ausführungen blieben bis 1931 lieferbar.
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