die hier vorzustellende Kamera wurde längere Zeit vergeblich in den Kleinanzeigen angeboten. Unscharfe Fotos ließen nur einen insgesamt mäßigen Zustand erkennen und deuteten darauf hin, dass die Kamera wohl nicht ganz vollständig sein würde. Da ich das Modell aber nirgendwo gefunden habe, war ich neugierig und habe letztlich doch zugegriffen. Rhaco ist die Handelsmarke der Fa. Richard Henning & Co. aus Frankfurt a.M., die Kameras verschiedener Hersteller unter eigenem Namen verkaufte, beispielsweise die Rhacofix, eine umgelabelte Zeca Goldi 3x4. Die Bezeichnung Präzisionskamera lässt spontan an Perka oder Linhof denken. Aber zunächst der Befund:
Es handelt sich um eine Laufbodenkamera in quadratischer Bauform für das Format 6,5x9. Das Rückteil ist dementsprechend drehbar. Die Kamera besitzt dreifachen Auszug; die Entfernungseinstellung erfolgt über einseitigen offenliegenden Zahntrieb. Auffällig ist die Entfernungsskala direkt am groß dimensionierten Triebknopf, so etwas ist typisch für Perka-Kameras (https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...&thread=306).
Die Kamera besitzt eine stabile U-Standarte; für die Handhaben ist die Abdeckung seitlich um 90° hochgezogen; zur Lösung der Arretierung dient ein gesonderter Hebel. Das Objektivbrett ist vertikal und horizontal verstellbar. Für die vertikale Verstellung war ein Spindeltrieb vorgesehen, die Spindel fehlt aber. Das Objektivbrett kann trotzdem manuell verschoben werden. Die horizontale Verstellung erfolgt serienmäßig durch bloßes Verschieben, ist aber z. Zt. verharzt. Weitere Verstellungen, die die Bezeichnung Präzisionskamera erwarten lässt, sind nicht vorgesehen – der Laufboden ist nicht absenkbar, und die Standarte kann nicht geneigt werden. Die Bezeichnung Präzisonskamera zielt offenbar auf sorgfältige Verarbeitung und Stabilität, und die kann man der Kamera durchaus attestieren, hinzu kommen die Vorteile der quadratischen Bauform.
Das Gehäuse ist unbeledert und wirkt dadurch etwas ‚roh‘. Vermutlich hat ein früherer Besitzer die Belederung inkl. Trageriemen entfernt und das Gehäuse nachlackiert. Zufälligerweise wurde das gleiche Modell in der letzten Woche beim Schweizer Auktionshaus eingestellt, sodass man vergleichen kann: Ursprünglich war das Gehäuse schwarz beledert und besaß an der rechten Seite einen Tragegriff. Die Bohrungen für die Befestigung sind noch erkennbar.
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Das Mattscheibenrückteil fehlt leider, montiert war eine Rollex-Rollfilmkassette. Allerdings fehlt auch ein Sucher. Zuvor dürfte ein Newtonsucher wie beim Schweizer Vergleichsexemplar montiert gewesen sein, die Bohrungen auf der rechten Oberseite zeugen davon. Links davon befindet sich eine Dosenlibelle, die noch gefüllt ist. Bestückt ist die Kamera mit einem Schneider Xenar 4,5/12 von ca. 1921 in Rad-Compur, ebenfalls aus der Zeit um 1920. Ob das die originale Ausstattung ist, steht aber nicht fest. Das Objektivbrett ist ohnehin leicht wechselbar; es wird gegen eine Feder nach oben gedrückt und kann dann entnommen werden. Falls es sich um die ursprüngliche Bestückung handelt, können die Seriennummern eine zeitliche Eingrenzung der Kamera ermöglichen. Eine Seriennummer am Gehäuse habe ich bislang nicht entdecken können. Eine Datierung um 1920/21 scheint mir mit Blick auf die Gestaltung der Laufschienen und des Zahntriebs durchaus plausibel.
Nach einer ersten oberflächlichen Reinigung präsentiert sich die Kamera in einem besseren Zustand, als zu erwarten war. Die Verstellungen muss ich noch gängig machen, insbesondere die horizontale Verschiebung. Beim Ausprobieren des Drehrückteils zeigte sich, dass ein Vorbesitzer den unteren Teil des Balgens am Drehrahmen festgeklebt hatte… Das lässt sich aber beheben. Ansonsten funktioniert alles, und der Balgen ist dicht. Einen passenden Newtonsucher gibt mein Fundus sicherlich her. Vielleicht versuche ich mich gelegentlich auch mal an einer Neubelederung, das ist aber noch nicht sicher – so schlecht sieht das unbelederte Gehäuse gar nicht aus.
Vorerst stellt sich die Frage nach einem passenden Rückteil und geeigneten Kassetten. Ich habe diverse Rückteile unterschiedlicher Hersteller probiert, bislang ohne Erfolg. Vielleicht hat jemand eine Idee, was hier passen könnte? Und zum Schluss die entscheidende Frage: Worum handelt es sich hier eigentlich – ist es tatsächlich eine von Henning produzierte Kamera, oder wurde sie zugekauft? Nach Thiele (2023) gab es tatsächlich Rhaco-Kameras aus eigener Produktion. Aber war das dann gleich eine solche Präzisionskamera mit Merkmalen anderer Hersteller? Stammt sie möglicherweise von Perka oder Linhof? Auch vom Frankfurter Hersteller Plaubel gab es mal eine Präzisions-Peco, die, nach den Abbildungen zu urteilen, gewisse Ähnlichkeiten aufweist. Vielleicht hat jemand Ideen oder konkrete Hinweise? Vielen Dank vorab!
Die große Fokustaste ist vielleicht das auffälligste Merkmal der Kamera. Es bleibt keineswegs unbemerkt und sollte sicherlich einen entscheidenden Hinweis auf den Hersteller bieten. Ich hatte ihn noch nie außerhalb einer Perka-Kamera gesehen. Es muss eine Beziehung zwischen Perka und Linhof gegeben haben. Aber Rhaco war vor allem ein Händler, und selbst wenn es einige teilweise hergestellte oder fast fertig montierte Geräte fertigstellen könnte, bezweifle ich, dass es seine eigenen Geräte vollständig herstellen könnte, insbesondere eines dieser Merkmale.
vielen Dank für die Einschätzung! Ja, es ist auch meine Auffassung, dass Henning/Rhaco kaum der Hersteller gewesen sein kann. Die Kamera ist wirklich sehr gediegen verarbeitet, da muss ein Qualitätshersteller am Werk gewesen sein, und der Fokusknopf weist tatsächlich in Richtung München...
Vielleicht kommt man mit dem Falz weiter: Es war eine Rollex-Kassette mit der Breite von 75 mm dabei, Schlitztiefe ca. 3 mm. Vielleicht kann jemand, der eine Perka 6,5x9 hat, einmal nachmessen?
vielen Dank für den Hinweis! Im Forum gibt es ja im Zusammenhang mit der von Dir vorgestellten Silar ja sogar eine Abbildung einer Trio; da scheint es sich tatsächlich um die gleiche Kamera zu handeln: https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...mp;thread=311#6. Da muss ich mal weitersuchen.
die Beleglage zu den "Trio"-Kameras ist ziemlich dürftig, soweit ich sehe. In den gängigen Katalogen und auf den einschlägigen Sammlungsseiten finde ich keine Kameras dieses Herstellers; in historischen Zeitschriften findet man nur Angaben zur Adresse. Informationen zu der Firma hat Axel schon referiert. Thiele, der die Unternehmensdaten zusammenstellt, erwähnt Trio-Kameras in den Formaten 9x12 und 10x15 (2023, S. 91). Die im verlinkten Thread von Andreas ("EagleEye72") gezeigte Kamera ist aber wie meine eine 6,5x9, das belegt die Objektivbrennweite 10,5 cm; auch die Proportionen lassen auf dieses Format schließen. Es ist vorerst also davon auszugehen, dass die vorliegende Kamera im Trio-Präzisions-Kamerawerk um 1921 in München gebaut und an Richard Henning in Frankfurt geliefert wurde, der sie unter der Handelsmarke Rhaco vertrieb. Die später von Feinak angebotenen Kameras sind noch besser ausgestattet (absenkbarer Laufboden, neigbare Standarte).
hier zwei Literaturtips: In Photo Antiquaria gab es 2010 einen zweiteiligen Artikel von Jan Beenken „Staeble und die 'Münchener Schule': Linhof, Edelmann, Trio, Perka und Co“ (PA 115 und 116), der einige Infos liefert. Richard Shimonkevitz hat in seinem Buch zu den frühen Linhof Kameras auch Trio ein paar Seiten gewidmet (Richard Shimonkevitz: Linhof. The Early Cameras. Identifying the Pre-World War II Linhof Cameras. 2021).
Photo Antiquaria ist sicherlich leichter zu beschaffen – die Trio wird im Teil II behandelt (PA 116). Shimonkevitz ist wohl etwas ausführlicher, aber äußerst rar – habe ihn nur per Fernleihe in der Bibliothek einsehen können.
der Artikel von Jan Beenken, auf den mich Axel hingewiesen hat – nochmals herzlichen Dank dafür! –, ist tatsächlich sehr aufschlussreich. Es geht darin um die Beziehungen der Münchner Firmen Linhof, Edelmann, Trio, Feinak, Perka sowie Staeble zueinander und um die ‚Familienähnlichkeiten‘ der von ihnen produzierten bzw. vertriebenen Kameramodelle. Das kann und soll hier nicht en détail referiert werden; ich möchte nur notieren, was für die hier vorliegende Rhaco (bzw. Trio) relevant ist:
1. Das Gebrauchsmuster für die sog. Trommelskala, die Entfernungsskala auf dem Triebknopf, wurde 1914 für Linhof eingetragen, aber an Linhof-Kameras nicht genutzt. Sie findet sich aber nach 1914 an den Trio-Kameras des früheren Linhof-Mitarbeiters Lutz. Beenken bietet als Erklärung an, dass nicht Linhof, sondern Lutz persönlich Inhaber des Gebrauchsmusters gewesen sein könnte, sodass er es an seinen eigenen Kameras verwenden konnte (Teil 2, S. 30).
2. Trio-Kameras waren nicht nummeriert (S. 31). Auch die vorliegende Rhaco weist keine Seriennummer auf.
3. Beenken stellt anhand der 9x12-Modelle allgemeine und herstellerspezifische Merkmale vor (S. 35f.). Alle Kameras besitzen demnach ein Leichtmetallgehäuse und zunächst den offenen Zahntrieb bei dreifachem Auszug mit gleicher Freigabetaste; es dominiert die quadratische Bauform (Ausnahmen existieren). Das Rückteil besitzt jeweils eine federnde Mattscheibe, vor die die Kassetten eingeschoben werden.
Charakteristisch für Trio-Kameras sind insbesondere die folgenden Merkmale:
– Bogenförmige Verstrebung des Laufbodens – Trommelskala – Standartenraste von vorn gesehen links – Federnde Objektivaufnahme, Sicherung durch rückseitigen Hebel – Spreizen mit Schlitz ohne 'Griffmulde'
Die in dieser Aufzählung unterstrichenen Merkmale weist auch meine Rhaco auf. Nicht bestätigen kann ich die bogenförmige Verstrebung und die Sicherung der Objektivaufnahme. Allerdings muss, was für eine 9x12-Kamera gilt, nicht zwangsläufig auch auf eine 6,5x9 zutreffen. Festzuhalten ist an dieser Stelle aber auch, dass eine Trio 6,5x9 nicht explizit erwähnt wird. Dass es sie gab, geht aber indirekt aus einem Katalog der Fa. Steinheil hervor (S. 31), der eine „Präzisions-Metall-Kamera“ in den Formaten 6,5x9, 9x12 und 10x15 offeriert, die aus Feinak- oder schon Trio-Produktion stammt.
4. Trio, Feinak und Perka produzierten auch für andere Anbieter: – Linhof/Edelmann/Trio/Feinak für den Münchner Objektivhersteller Staeble (Mod. Unoplast in verschiedenen Ausführungen). – Trio/Feinak für Steinheil (s. oben) (S. 31) – Perka für Wauckosin (FfM) --> "Perwa" (S. 33) – Perka für Hermagis --> "Herka" (S. 33)
Es passt m.E. gut ins Gesamtbild, dass Trio auch an den Frankfurter Händler Henning geliefert hat.
Hier nochmals die Angaben: J. Beenken: Staeble und die 'Münchener Schule': Linhof, Edelmann, Trio, Perka und Co. Teil 1: Photo-Antiquaria 115 (2013), 4–12; Teil 2: Photo-Antiquaria 116 (2013), 29–36.