[ iIa ] Bentzin Rechteck-Primar 10x15 - aus Zwei mach Eins
Hallo,
Vor einiger Zeit hab ich mir eine Schrottkamera (nur der Torso, ohne Mattscheibe und Objektiv), eine Bentzin Rechteck-Primar, 10 x 15 cm als Ersatzteillager (insbesondere für die Schrauben) zur geplanten Reparatur einer Quadrat Primar zugelegt. Kürzlich konnte ich noch eine zweite, fast gleichalte Rechteck Primar, diesmal mit Mattscheibe (Holzrahmen) aber wieder ohne Objektiv ersteigern. Da an beiden Kameras unterschiedliche Bereich defekt waren, bei der einen die Laufbodenführungen inkl. der Standartenmechanik (verbogen siehe Bilder 5-8) und bei der anderen der Balgen, kam die Idee auf, aus zwei Kameras eine zu machen und die Reste für die Quadrat Primar zu fleddern. Was ich am letzten Wochenende dann mal spontan umgesetzt habe, sozusagen als Fingerübung für die kompliziertere Reparatur der Quadrat -Primar.
Bild 1: Die fertige zusamengewürfelte Rechteck-Primar. An dem ausgeblichenem Balgen läßt sich unschwer erkennen, dass die schon mal lange in der Vitrine stand (hinten wird der Balgen dann dunkler, siehe auch Bild 2).
Bild 2: Die Kamera in Makrostellung bei Dreifachauszug – eher sehr, sehr selten gebraucht.
Bild 3: Ein frühes Model (Seriennummer: 10.5xx) mit Goerz Dagor 1:6,8/168mm (vermutlich Originalbesatz) zum Vergleich, das ich schon länger pflege.
Beim Durchmessen aller Bauteile kam dann aber heraus, dass die nur etwa 1100 Nummern auseinanderliegenden Kameras doch einige maßliche Unterschiede in der Mechanik von bis zu ca. 0,5 mm aufwiesen. Man kann also nicht einfach die defekte Standarte austauschen, da passt dann die Prismenführung zum oberen Laufboden nicht. Aber ich hatte Glück, da von der untersten Prismenführung nur ca. 2 bis 5 hundertstel Millimeter abzunehmen waren, um die komplette heile Laufbodenanlage samt Standarte umsetzen zu können. Den Frontplattenträger mit dem angeklebten Balgen kann man einfach von der Standarte abschrauben, so dass der Tausch nicht allzu kompliziert war.
Beim Einpassen viel auf, dass die untere Prismenführung lange nicht so genau daherkam wie ich das eigentlich erwartet hatte. Entweder hat schon mal jemand da rumgefeilt oder die haben bei der Kameramontage in Bentzins Fabrik auch etwas nahgearbeitet. Die Prismenführung war in den Flächen nicht wirklich eben und anhand des Tuschierfarbabtrags beim Einpassen, waren dann teils (vorderer Bereich) nur einige Hügel und Kanten plan abzugleichen bis alles wieder schnaubend ineinander lief. Das Einpassen hat dennoch gut 2 Stunden gedauert. Am Ende hab ich alle Führungen noch etwas überarbeitet, es reichte schon etwas 1000er Naßschleifpapier, um einige feine Kinken minimal beizuschleifen, sodass die Führungen dann wieder überraschend leicht liefen – das alt Fett mit dem Jahrhundertschmutz hatte ich natürlich bereits entfernt. Das Naßschleifpapier klebe ich dabei unter anderem auf kleine passend zugeschnittene Holzleisten, die sich dann wie eine sehr feine Feile benutzen lassen.
Bild 4: Die ausgebaute Laufbodenmechanik mit der angeschraubten (blau) Prismenschiene und den Positionsbohrungen (rot) für die Unendlichstellung.
Die eine Klappensteife musste ausgewechselt werden, da sie total verbogen und am Federloch eingerissen war, was bei der filigranen Bauweise aber auch kein Wunder ist. Insgesamt bin ich der Meinung, dass die Kamera zu filigran konstruiert ist, sodass sie zu Hause auf dem Schreibtisch nach der kleinen Generalüberholung zwar wieder wie ein Uhrwerk funktioniert, aber in der gelegentlich raueren Fotopraxis kaum bestehen wird. Sollten die Durchschnittswurstfinger mal etwas Druck ausgeübt haben, wenn irgendetwas harkte, wird das schnell zu unschönen Konsequenzen geführt haben und wieder führen. Dafür spricht auch, dass diese filigranen Kameras häufiger als Schrott angeboten werden, denn als brauchbare Exemplare in gutem Zustand.
Bild 5: Defekte Spreize nach dem Vorrichten mit aufgedrückter Bohrung (rot) für die Feder. Das Teil wurde ausgetauscht. Die Spreize ist ja so schon zu filigran, da noch eine Bohrung reinzusetzen finde ich einfach nur ignorant unseriös bis inkompetent.
Bild 6: Die Feder (blau) ist aus der runden seitlichen Aussparung des Entriegelungsbügels zwischen Bügel und Standartenblech gerutscht. Der Bügel ist aufgebogen (siehe auch Bild 8), da bewegt sich nichts mehr. Eine Feder so zu positionieren ist echt gewagt, im Klartext: einfach Schrott. Das unterseitige Standartenblech ist eingedellt (rot).
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Bild 7. Verbogene Basisbleche der Standarte. Das steht wohl für grobe Gewalteinwirkung, nachdem jemanden der Geduldsfaden mit der Kamera gerissen ist. Kennt man auch von denen, die den verdeckten, überlederten Druckknopf zum Öffnen der Frontklappe bei alten Laufbodenkameras nicht finden konnten.
Ein Beispiel für die extrem filigrane Konstruktion sind z. B. die Prismenführungen der Standarte, deren Führungsflächen nur über einen 0,8 mm starken Steg verbunden sind (Bild 8). Genau hier gab es dann auch Schäden (siehe auch Bild 10, 11). Etwas konsterniert haben mich auch die Positionsbohrungen für die Unendlichstellung des Objektivs, die die Führungsprismen noch zusätzlich schwächten (Bild 4 und 12) und nicht zuletzt die bereits erwähnte Klappensteife mit dem Federloch.
Bild 8: Das unterseitige Standartenblech ist aufgebogen (rot), der Entriegelungsbügel gleichfalls (rot) und die Prismenführung (blau) ist extrem filigran. Die untere Prismenfläche wird von einem lediglich 0,8 mm starken Steg gehalten (grün).
Bild 9: Die kleine Prismennase des angeschraubten Führungsfrofils mit Zahnstangenfräsung ist lediglich 2,5 x 2,0 mm (BxH) groß. Die kleine dreieckige Ausfräsung auf der rechten Seiten der Zahnstange ist übrigens die Prismenführung für den zweiten Auszug …
Bild 10: Die Standartenführung ist aufgebogen (blau) und am hinteren Ende stark abgenutzt (rot), da hat sich jemand noch eine Weile mit der Kamera gequält.
Bild 11: Andere Seite der Standarte mit gleichfalls verbogener Prismenführung. Der kleine Stift in der Prismenführung, links ist die Positionierungeinrichtung für die Unendlichstellung des Objektivs.
Bild 12: Positionsbohrungen für die Unendlichstellung des Objektivs, die die Mini-Führungsprismen noch zusätzlich schwächen
Meine allererste Rechteck-Primar mit der 10.5xx-Nr. hatte ich mit einer gebrochenen und einer losen (Schraube ausgerissen) Spreizen-Blattfeder bekommen, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass diese Konstruktion auch nicht gerade ideal war und man dann einen Federdraht durch die Spreizen geführt hat, um das Problem zu lösen. Eigentlich hätte man dann aber ein neues Stanzwerkzeug für die Spreizen herstellen müssen, das an der Stelle der Federdurchführung eine kleine Verbreiterung/Ausbuchtung hätte vorsehen müssen. Bei der Gelegenheit wären dann auch gleich die Spreizen stabiler auszuführen gewesen. Das Ganze sieht für mich nach Verschlimmbesserung und Rumgewurstel eines unangemessen knippigen (geizigen) Unternehmers aus.
Ein kleines Detail vielleicht noch zur Zahnstangenverstellung fürs Fokussieren. Meine ältere Kamera mit einer 10.5xx Nummer hat noch eine Schrägverzahnung, die in einem frühen Katalog auch lobend erwähnt wird, da sie eine besondere weiche, ruckfreie Fokussierung garantiert aber aufwendiger in der Herstellung ist. Die jetzt reparierte Kamera mit der 19.3xx Nummer hat eine grade Verzahnung, die minimal rauer läuft, dafür ist plötzlich das Stellrad schräg verzahnt. Am Ende also mehr Schein als Sein. Wenn jemand die Seriennummern mit dem Produktionsjahr zusammenbringen kann, wäre das interessant.
Bild 13. Links die gerade Zahnstangenverzahnung mit diagonal verzahntem Stellrad, rechts die Diagonalverzahnung der Zahnstange mit gerade verzahntem Stellrad der älteren Kamera mit 10.5xx Nr.
Vergleicht man die ungefähr zur gleichen Zeit angebotene Alpin von Voigtländer (gleiches Format, Dreifachauszug etc.) mit der Rechteck-Primar, so stellt man überrascht fest, dass auch deren Führungen nur bezüglich der Standartenführung, aber an der richtigen Stelle, deutlich größer ausfallen, die andern Führungen des Dreifachauszugs sind ähnlich filigran. Im Unterschied zur Rechteck-Primar sind alle Laufböden jedoch aus einem Stück gefräst und das aus vernickeltem Messing und nicht aus filigranen, an eine Aluplatte angeschraubten Messingprofilen (oberster Laufboden der Primar). Benzin hat da an der am höchsten belasteten Führung (lange Standarte mit kurzer Basis - Hebelwirkung) die schwächste Prismenschiene (Bild 8-9 und 10-11) eingesetzt – klare Fehlkonstruktion. Das Konzept aus dem Vollen dürfte insgesamt stabiler und präziser ausfallen. Die Alpin wurde im Gegensatz zur Rechteck-Primar (Alu/Holz-Mischkonstruktion) übrigens bereits als Ganzmetallkamera konzipiert. Das macht sie kompakter (siehe das Vergleichsbild 14), aber mit 1.615 g auch schwerer, aber gut, Bentzin war Tischler und seine Kamera wog nur 1.292 g, also 20 % leichter (frühes Model mit der Nr. 10.5xx auf Bild 3), gefällt mir besser.
Bild 14: links die etwas kompaktere Voigtländer Alpin in 10 x 15 cm und rechts die reparierte Rechteck-Primar gleichen Formats.
Zu der von 1912 bis ca. 1926 gebauten Kamera gibt es im Netz nur wenige Informationen, nicht mal in Hartmut Thieles Buch: Primar-Cameras wird Näheres zu dieser Kamera beschrieben, außer einem Bild, das statt Rechteck Primar mit Querprimar untertitelt wurde (gleiche Bezeichnung bei Kadlubek). Sofern jemand irgendetwas Weiterführendes zu der Kamera, vielleicht aus einer Zeitschrift, weiß, wäre ich für einen Tipp wirklich dankbar, oder scheut euch nicht, meine Ausführungen zu ergänzen. Die einzige Holzkassette, die ich ergattern konnte, ist leider total verzogen und unbenutzbar, sodass ich auch hier auf der Suche bin.
Ein paar Informationen lassen sich jedoch in dem Werbetext des Hausamann-Katalogs von 1926 (bzw. im Lindemann-Nachdruck des Katalogs für 1927), Seite 161, finden:
„Leichte, stabile Laufbodencamera mit dreifachem Auszug für Einzel- und Stereo-aufnahmen. Laufboden bzw. Camerakasten nach unten und oben bzw. nach vorn und hinten neigbar. Objektivteil hoch, tief und seitwärts verstellbar, nach vom und hinten neigbar. Infolge des langen Auszuges und der weiterhin erwähnten Eigenschaften für Optik mit Vorsatzlinsen, für Satz- und Weitwinkelobjektive sowie für Tele-Optik vorzüglich geeignet. Laufboden in Schwalbenschwanzführung aus Messing. Durch Verwendung eines ansetzbaren Schlitzverschlusses (verdeckt ausziehbar, durch Geschwindigkeitsregler (D. R. P.) von 1/5 bis zu 1/1000 Sek. verstellbar) auch als Zweiverschluß-Camera zu gebrauchen. Material: Cameragehäuse aus schwarzgebeiztem, innen schwarzpolíertem Hartholz. Laufboden in Schwalbenschwanzführung aus Messing. Metallteile schwarz lackiert oder vernickelt. Balgen und Camerabezug aus bestem Leder. Newtonsucher. Zubehör: 3 Holzdoppelkassetten, 1 Drahtauslöser (aufklappbar oder nicht aufklappbar). (Ansetzbarer Schlitzverschluß nicht im Preise inbegriffen).“
Bestückt wurde die Kamera zum Ende des Herstellungszeitraums laut dem Hausamann-Katalog z. B. mit einem Tessar von Zeiss mit 1:4,5 f = 16,5 cm oder einem Doppel-Protar 1:6,3 f = 17,0 cm oder jedem anderen gewünschten Objektiv. Damit hat die Kamera inkl. Tessar 530 Schweizer Franken und mit Plasmat 580 F gekostet. Bei einem damaligen Wechselkurs von 1:0,81 waren das 430 Reichsmark für die Kamera mit Tessar. Ein Facharbeiter verdiente 1927 in Deutschland ca. 40 bis 50 RM die Woche. Das machen dann knapp 200 RM im Monat. Man brauchte also schon eine gehobene Stellung, um sich so eine Kamera leisten zu können. Heute ist diese Kamera eher selten, meist defekt und mit Objektiv vermutlich auch irgendwo in der Preislage um 400 € und mehr (funktionstüchtig inkl. Zubehör) zu bekommen – wenn man denn mal eine findet.
Zielgruppe der Kamera waren offensichtlich anspruchsvolle Fotoamateure, die im Postkartenformat Landschafts- oder Gruppenbildaufnahmen machen wollten und eine leichte Kamera von nur 1292 g schätzten. Die für die Kamera häufig verwendeten, für die damalige Zeit hochwertigen Objektive (Dagor, Tessar, Satz Plasmat) deuten zusätzlich noch auf diese anspruchsvolle Zielgruppe hin. Die Verstellmöglichkeiten der Kamera sind auch bei Architekturaufnahmen von Vorteil, wobei die Verstellwege für praxisgerechtes Schiften etc. eher kurz sind. Das Schiften nach oben oder unten erfolgt durch bloßes Verschieben und Feststellen über zwei Rändelschrauben, was fummelig und ungenau ist. Eine Justierschraube, fürs vertikale Schiften, wie für das horizontale vorhanden, vermisst man, obwohl vertikales Schiften sicherlich häufiger gebraucht wird als horizontales. Technisch umsetzbar ist das vertikale Schiften aber deutlich schwieriger, da die Frontplatte auf der langen Seite liegt und eine einseitige Stellschraube nicht reicht (Verkanten). Irgendwie beschleicht einen der Verdacht, dass an der Kamera einiges nur Salesmantalk war, da es angepriesene Features gab, die aber in der Praxis schnell an ihre Grenzen stießen.
Bild x: Die als Rechteck-Primar bezeichnete Kamera ist hier eigentlich eine Platten-Primar (Bild 15, das Vorläufermodel) Quelle: Hausamann-Katalog, 1926. Unterboden gemäß Scheimpflug nach unten verstellt und Objektiv nach oben geschiftet. Ob das Sinn macht?
Zu der Kamera mit 10 × 15 cm Negativ würde optimal ein Objektiv mit einer Brennweite von ca. 165 bis 180 mm gehören, das passt mit einer größten Blende von 1:4,5 und einem Compur-Verschluss aber nicht mehr in die Kamera (wie haben die das damals mit dem 165iger im Hausamann-Katalog hingekriegt?) und eines mit 1:5,6 als Tessar hab ich nicht gefunden. Aufgrund der guten Korrektur der Tessare hat man die als Normalobjektiv vermutlich auch kaum gebaut – warum auch, wenn die noch mit 1:4,5 bis zum Rand scharf sind. Es wurde daher ein Tessar 1:4,5 f = 15,0 cm mit funktionierendem Compur-Verschluss adaptiert, das ungefähr aus der gleichen Zeit, ca. 1927, stammt (gemäß Zeiss-Objektivnummer). Dieses Objektiv kommt aus einer 9 × 12 cm-Laufbodenkamera, für die diese Brennweite üblich war. Bei dem mit dem 150-Objektiv ausleuchtbaren Bildkreis wird es dann wohl knapp mit dem Schiften. Für die Normalstellung reicht es aber, wie ein Blick auf die Mattscheibe zeigte, die übrigens sehr fein geschliffen und hell ist.
Eigentlich ist der Compur-Verschluss des Objektivs für die Rechteck-Primar dennoch etwas zu groß, da mit einer Original-Objektivplatte der rückwärtige Blendenverstellring des Verschlusses an der ca. 1 mm vorstehenden oberen und unteren Objektivplattenverriegelung bzw. -Aufnahme klemmen würde. Mit Distanzring oder einer 1 mm dickeren, genuteten Objektivplatte (meine Lösung) geht das dann dennoch, aber nur, wenn der Verschluss 90° gedreht eingebaut wird, da sich die Kamera sonst nicht mehr schießen lässt. Das Zeiteneinstellrad stößt sonst an den oberen Laufboden. Das Objektiv liegt beim Schließen dennoch an der Bodenklappe an, sodass etwas Spannung entsteht. Es könnte sein, dass die ab 1926 nicht mehr produzierte Kamera für eine so große Verschluss-Objektiv-Kombination eigentlich nicht konstruiert wurde und man nur versuchte, den Abverkauf mit einem hochwertigeren Objektiv zu beschleunigen.
Die Rechteck-Primar wurde ab 1912 gebaut. Es gab aber ein Vorläufermodell, die Platten-Primar, die mindestens ab 1909 verfügbar war (wer weiß genaueres?) und bis auf eine Blech-Standarte annähernd identisch ausfiel, die wird die Grundgeometrie auf Basis, der damals üblichen kleineren Objektive auch für die Rechteck-Primar vorausbestimmt haben. Die Liste der für die Rechteck-Primar angebotenen Objektive im Rudenberg-Katalog von 1909 weist vorwiegend Objektive kleinerer Blende von 1:7,7 bis 1:5,2 aus. Der einzige Ausreißer mit 1:4,5 wird dann mit einem etwas kleineren Compoundverschluss gerade noch gepasst haben.
Bild 15: Platten-Primar aus dem Rudenberg-Katalog von 1909. Die Standarte ist noch aus Blech und nicht wie bei der Rechteck-Primar aus Aluminiumdruckguss. Die Spreizen haben die gleichen Blatt-Federn wie meine frühe Rechteck-Primar von Bild 3.
Bild 16
Fazit Die Kamera funktioniert trotz ihrer filigranen Konstruktion wieder überraschend gut (ich war einen Augenblick wirklich erstaunt). Schiften oder Verstellung nach Scheimpflug ausgenommen (fummelig und hakelig) könnte ich mir vorstellen, dass es Spaß macht, damit zu fotografieren. Nachdem ich mal ein paar Probeeinstellungen versucht habe, nervte das um 90° gedrehte Objektiv allerdings, und ich hab es zurückgeschwenkt und muss es jetzt vor dem Schließen jeweils entfernen. Irgendwas werde ich da noch ändern. Ästhetisch und technisch gefällt mir die Kamera trotz der deutlichen Konstruktionsmängel ausgenommen gut. Aufgrund des unkalkulierbaren Bildausschnitts, ist der für Freihandaufnahmen vorgesehene, winzige Newton-Sucher nervig und wenig praxisgerecht, der bei dieser späten Kameraversion aber immerhin eine selbstausklappende Schutzabdeckung hat. Will man Qualität, wird man aber ohnehin vorwiegend auf der Mattscheibe scharfstellen und hier auch den Bildausschnitt einrichten. Angesichts des geringen Gewichts und der mäßigen Größe für eine 10 × 15 cm-Kamera sind ein paar Probefotos geplant, sobald ich eine passende Kassette finde – und die sind leider noch seltener als die Kamera.
So, das war eine kleine Mamutaktion, die aber auch nur zustandekamm, da mich die Kamera wirklich interessiert hat, kommt so nicht wieder vor.
Re: Bentzin Rechteck-Primar 10x15 - aus Zwei mach Eins
Hallo Holger,
herzlichen Dank für diesen umfangreichen und aufschlussreichen Bericht! Ich finde die Restauration sehr beeindruckend. Bemerkenswert, was Du über offensichtliche Konstruktionsmängel und Serienänderungen schreibst.
Ich kann nichts Substantielles beitragen, vielleicht nur ein Hinweis: Ich hatte kurze Zeit auch eine Quer-Primar 10x15; ich habe sie dann verkauft, weil sie nicht ganz ins Sammlungskonzept passte. Mir kam sie insgesamt weniger wertig vor als andere 10x15-Kameras in meinem Fundus, ohne dass ich das jetzt genau auf einzelne Bauteile zurückführen könnte. Diese Kamera war nach meinen Aufzeichnungen mit einem Staeble Polyplast 6,8/16,5 in Compound ausgestattet. Mit einem Compound der Größe I dürfte sich die Kamera auch schließen lassen.
Zur Braunfärbung des Balgens: Ist das wirklich nur auf langen Lichteinfall zurückzuführen, oder könnte es mit den jeweils verwendeten Materialien zusammenhängen? Eine solche Lederfärbung ist mir schon öfter an Ernemann-Kameras aufgefallen, und zwar sowohl am Balgen als auch an der Belederung, während das bei anderen Fabrikaten meiner Beobachtung nach weniger häufig ist. Kamen vielleicht bei manchen Zulieferern andere Materialien bzw. Farben zum Einsatz?
Re: Bentzin Rechteck-Primar 10x15 - aus Zwei mach Eins
Hallo Jan,
was das Ausbleichen des Balgens angeht, ist meine Interpretation natürlich auch nicht mehr als eine Vermutung. Es wird sicherlich so sein, dass die Empfindlichkeit der Balgenfärbung zum Ausbleichen beigetragen hat, sonst müsste auch die äußere Belederung gelitten haben – hat sie aber nicht. Für die Vitrinenthese spricht allerdings, dass der Balgen linksseitig deutlich heller ist als rechtsseitig und von unten kaum an Farbe verloren hat. Zusätzlich sind die letzten Balgenfalten im Gehäuse auch noch recht dunkel. Das spricht alles für einen lang anhaltenden Lichteinfall mit entsprechenden Folgen.
Bei der Rechteck-Prima gibt es bezüglich der Wertigkeit sicherlich einige Abstriche, da Bentzin es mit dem Leichtbau etwas übertrieben hat und offensichtlich nicht bereit war, erkennbare Mängel sinnvoll und konsequent nachzubessern. Aber nachträglich ist man natürlich immer schlauer und kann viel spekulieren. Vielleicht hat sich die Kamera auch nicht so gut verkauft und es war einfach kein Geld für grundlegende Änderungen da. Zugutehalten muss man Bentzin, dass er zumindest die Gewichtsreduktion gut umgesetzt hat. Jedes Qualitätsziel hat leider auch irgendwelche Auswirkungen auf die sonstigen Ziele. Andere Hersteller haben da noch schwerere Ganzmetallkameras (als Voigtländer) im gleichen Marktsegment um die 2000 g auf den Markt gebracht. Für die war das Gewicht aber vielleicht eher sekundär, und primär waren Langlebigkeit und perfekte Funktion. Was ja auch sehr wichtige Eigenschaften sind und waren – da war Bentzin (bei dieser Kamera mindestens) etwas unterbelichtet. Ansonsten staune ich immer wieder, wie schwergewichtig viele Gebrauchsgegenstände, Werkzeuge und Maschinen früher waren. Trotz weniger entwickelter Hebe- und Transporteinrichtungen war geringes Gewicht früher offensichtlich selten das zentrale Thema und schwer stand für solide oder so etwas wie wertig.
Re: Bentzin Rechteck-Primar 10x15 - aus Zwei mach Eins
Hallo Holger,
Holgerx:Das spricht alles für einen lang anhaltenden Lichteinfall mit entsprechenden Folgen.
Alles klar, leuchtet ein!
Holgerx:Zugutehalten muss man Bentzin, dass er den Leichtbau gut umgesetzt hat.
Mit Bentzin habe ich mich nur am Rande beschäftigt, aber was Du schreibst, deutet ja darauf hin, dass es diesem Hersteller um besonders leichte/handliche Kameras ging. Dazu passt, dass mein Expl. mit einer Reicka-Kassette ausgestattet war, die ja auch zur Gewichtsreduktion angepriesen wurde. Zu diesem Anspruch passt aber auch ein anderes, späteres Bentzin-Modell, die Plan-Primar von 1931(?), die ich an anderer Stelle schon einmal vorgestellt habe: https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...&thread=192 Hier ist deutlich das Bemühen erkennbar, durch flache Bauweise ein Alleinstellungsmerkmal zu erreichen. Inwieweit so etwas auch bei anderen Bentzin-Modellen der Fall war, kann ich aber nicht sagen, weitere Literatur zum Hersteller kenne ich auch nicht.
Re: Bentzin Rechteck-Primar 10x15 - aus Zwei mach Eins
Hallo Rainer,
die Muster sind auf den Kameras bis aus zwei Ausnahmen jeweils unterschiedlich, die Unterseite bleibt immer glatt. Ich vermute mal, das wird ein Designeinfall gewesen sein. Eine Funktion sehe ich in dem Muster nicht. Mit Aluminium kann man das gut machen, da es relativ weich ist – was geht, wird gemacht, insbesondere wenn es neu ist und interessant aussieht. In der Architektur konnte man z. B. mit dem Aufkommen des Stahlbetons plötzlich Fenster über Eck bauen, was dann in der Moderne ausgiebig zelebriert wurde. Was ein ziemlicher Kraftakt war, den die Wirkung selten rechtfertigte.