zu den bekanntesten Produkten der Contessa Nettel AG (1919–1926) gehört die Deckrullo-Nettel. Es handelt sich um eine Spreizenkamera mit Schlitzverschluss, die wegen der schnellen Schussbereitschaft und der kurzen Belichtungszeiten als Sport- und Reportagekamera beworben und in verschiedenen Formaten angeboten wurde. Das Modell wurde aus dem Programm der Vorgängerfirma, dem Nettel-Kamerawerk in Sontheim, übernommen; dessen Deckrouleau-Nettel war schon 1909 auf den Markt gekommen. Wie die (mittlerweile eingedeutschte) Modellbezeichnung schon anzeigt, zeichnet sich der Schlitzverschluss durch verdeckten Aufzug ab, d.h. das Bildfenster blieb beim Aufzug geschlossen, was bei Schlitzverschlüssen keinesfalls selbstverständlich war. Nach der Fusion Ende 1926 wurde die Modellreihe ins Programm der Zeiss Ikon AG übernommen und im März 1927 zunächst in Deckrullo, später in Nettel umbenannt (dieses Zeiss Ikon-Modell in 9x12 wurde bereits an anderer Stelle gezeigt --> https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...&thread=230).
Hier sei nun die Deckrullo Nettel Nr. 36 im Format 6,5x9 vorgestellt.
Der Hausamann-Kataog 1926 teilt zur Konstruktion mit:
„Die verstellbaren Scherenspreizen gewährleisten einen unbedingten Gleichstand des Objektivbrettes zur Mattscheibe und große Stabilität; sie gestatten ferner eine Veränderung der Auszugslänge in weiten Grenzen, sodaß die Verwendung mehrerer Objektive mit verschiedenen Brennweiten möglich ist. Auf jede Entfernung kann schon bei geschlossener Camera nach Skala genau eingestellt werden. […]“ (S. 168)
Das Objektivbrett ist in beide Richtungen großzügig verschiebbar und zudem leicht auswechselbar, was den schon angesprochenen Objektivwechsel ermöglicht.
Bemerkenswert ist der Ikonometersucher mit dem Doppelvisiert, das wohl eine besonders präzise Betrachtung ermöglichen soll. Dennoch hat ein früherer Nutzer zusätzlich einen Newtonsucher mit blauer Linse montiert, wie es ihn im Zubehörprogramm gab. Der Schlitzverschluss bietet Zeiten von 1/2 bis 1/1200 s. Ein Langzeitenwerk gibt es nicht, aber die Domäne solcher Kameras sind ja lt. Katalog auch „schnellste Augenblicksaufnahmen jeder Art“.
Die Kamera ist mit einem Tessar 4,5/12 cm ausgestattet, das ins Jahr 1922 zu datieren ist. Die Kamera wurde, wie die Plakette auf der Oberseite verrät, von Arnold Lederer in Prag verkauft.
Der Apparat ist äußerlich in ausgezeichnetem Zustand. Die mechanische Verarbeitung ist auch wirklich vorbildlich, auch nach über 100 Jahren läuft alles präzise, nichts wackelt. Leider ist der Verschluss nur noch bedingt funktionsfähig; die Vorhänge laufen nicht vollständig ab. Hinzu kommt, dass die ursprüngliche (Gummi-?)Beschichtung der Tücher fehlt und sie nicht mehr lichtdicht sind.
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