um 1921 brachte die Contessa Nettel AG in drei Formaten das Plattenkamera-Modell Adoro heraus, von dem parallel auch eine Tropen-Version angeboten wurde. Diese Tropen-Adoro wurde 1926 auch ins Programm der Zeiss Ikon AG übernommen und bis Juli 1937 verkauft; vorgestellt wird hier das kleine Modell 34 (seit 1929 230/3).
Es handelt sich um eine Laufbodenkamera für Platten 6,5x9. Das Gehäuse besteht aus Teakholz mit vernickelten Beschlägen, der Laufboden aus Aluminium. Für den Balgen wurde, wie bei solchen Kameras üblich, braunes Saffianleder gewählt. Die Unterseite des Laufbodens ist mit rotbraunem Leder bezogen.
In technischer Hinsicht entspricht die Kamera der gewöhnlichen Adoro; sie bietet doppelten Balgenauszug mit verdecktem Zahntrieb und vertikale und horizontale Verstellung des Objektivs über Spindeltrieb. Als Sucher stehen ein Ikonometer und der übliche Brillantsucher zur Verfügung. Ausgestattet ist das vorliegende Exemplar mit einem Tessar 4,5/12 in Rad-Compur. Die Konstruktion macht einen soliden Eindruck, unterscheidet sich aber nicht von der anderer Qualitätskameras.
Ungewöhnlich ist das Rückteil. Ich habe bislang nur Mattscheibenkassetten mit rot beledertem Lichtschachtdeckel gesehen. Das vorliegende Exemplar besitzt einen Teakholzrahmen ohne Lichtschacht, der exakt passt, mit einer Griffleiste ausgestattet ist und sicherlich kein Eigenbau ist. Da ist es eigenartig, dass die Mattscheibe auf der Innenseite aufgeklebt (!) ist. Die Schärfeebene stimmt daher auch nicht, für Objekte in unendlicher Entfernung muss auf ca. 2m eingestellt werden. Da muss ich mir noch passende Kassetten besorgen; vorgesehen waren Neusilber-Kassetten des Typs 666/3 oder 672.
Wie immer bei solchen Kameras aus der Übergangszeit stellt sich die Frage nach der Zuordnung. Beschriftet ist das vorliegende Exemplar auf dem Schlitten mit Contessa Nettel. Der Verschluss, der wohl ins Jahr 1927 zu datieren ist, trägt die Beschriftung Zeiss Ikon, auch das Objektiv verweist ins Jahr 1927. Zeiss Ikon-Kameras, die ich auf Abbildungen gesehen habe, besitzen einen ausklappbaren Diopter, der im Ruhezustand an der Seitenwand anliegt. Beim vorliegenden Exemplar ist der Diopter noch als schmale Kelle ausgeführt, die in einer Aussparung zwischen rückwärtigem Beschlag und Gehäuse liegt und auf Knopfdruck ausgeschwenkt wird; diese Konstruktion findet sich bei den früheren Contessa-Nettel-Kameras.
Normalerweise kann die Seriennummer Aufschluss bieten; zu meinem Erstaunen habe ich an keiner Stelle eine Nummer gefunden – weder am Bildfenster noch an der Innenseite des Gehäuses oder dem Laufboden. Auch die Standarte trägt keine Nummer. Womöglich habe ich sie übersehen, hat jemand einen Tipp, wo ich noch nachschauen könnte? Aufgrund der Verschlussbeschriftung und der Objektivdaten gehe ich davon aus, dass das Gehäuse von der Zeiss Ikon AG mit einem Verschluss versehen und als Zeiss Ikon-Kamera verkauft wurde. Im Katalog 1927 betrug der Verkaufspreis 215 RM.
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Danke, Sascha! – Du meinst den Rahmen der Mattscheibenkassette, richtig? Falls der Rahmen mit der aufgeklebten Mattscheibe kein Originalteil ist – und so sieht es ja aus – und die originale Mattscheibenkassette fehlt, wäre das vielleicht eine Erklärung...
Nein Jan, ich meine den hintersten Teil der Kamera selber: Der Kassetten-Führungsrahmen liegt auf dem Blendrahmen. Auf der oberen Seite des Blendrahmens sind bei vielen Kameras (auch bei meiner Adoro) die Seriennummern eingraviert und eingeprägt: Gruss Sascha
Danke, Sascha. Ja, da hätte ich die Nummer auch erwartet, bei meinem Expl. sieht das aber ganz anders aus. Ob da im Zusammenhang mit der merkwürdigen Mattscheibenkassette ertwas modifiziert wurde?
Hallo Jan, ja ich denke, man hat den oberen Teil des Blendrahmens abgeschliffen, um den Mattscheibenrahmen reinzubekommen. Die Ausfräsung für die Plüschdichtung ist an deiner Kamera zu flach. Dafür befindet sich die Plüschdichtung, untypischerweise am Mattscheibenrahmen. Während dieser Prozedur wurde offensichtlich die Seriennummer auch ausgeschliffen...Das Jahr 1926 / 27 wird für diese Kamera stimmen... Gruss Sascha
Vielen Dank, Sascha – ja, so wird es sein. Ich muss mal passende Kassetten auftreiben und sehen, was da am Falz verändert wurde. Was den Vorbesitzer bewogen hat, einen solchen Mattscheibenrahmen einzubauen, bei dem der Fokus nicht passt, erschließt sich mir nicht...