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Linhof (?) Präzisionskamera 6,5x9 Hochformat
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10.07.26 17:39
Jan_S 

Moderator

10.07.26 17:39
Jan_S 

Moderator

Linhof (?) Präzisionskamera 6,5x9 Hochformat

Hallo zusammen,

hier sei mal wieder eine unbezeichnete Kamera vorgestellt, die noch der genauen Identifizierung harrt; immerhin lässt sie sich eingrenzen und aufgrund ihrer Merkmale der ‚Münchner Schule‘ zuordnen, also dem Linhof-Trio-Feinak-Perka-Umkreis. Jan Beenken berichtet in einem zweiteiligen Artikel in Photo-Antiquaria 115–116/2013 ausführlich über die Verbindungen zwischen den Herstellern und stellt einige der Modelle vor.





Es handelt sich um eine Laufbodenkamera im Format 6,5x9. Anders als die meisten Münchner Modelle besitzt sie kein quadratisches Gehäuse, sondern ist in üblicher Hochformat-Bauweise konstruiert. Die bogenförmigen Spreizen findet man seit Ende der 1920er Jahre an späteren Linhof-Modellen (--> https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...&thread=148). Sie können ausgeklinkt der und der Laufboden prinzipiell abgesenkt werden, allerdings besteht keine Möglichkeit der Arretierung.



Die Kamera besitzt einen dreifachen Auszug; das dritte Segment wird über einen Knopf freigegeben. Die Fokussierung erfolgt mittels offenem Zahntrieb; typisch für die Münchner Schule ist wiederum der in den Laufboden integrierte Triebknopf; er besitzt aber keine Entfernungsskala wie bei den Trio-Modellen. Ich finde auch keine Möglichkeit, das Fokusrad zu arretieren; für eine Präzisionskamera merkwürdig – übersehe ich da etwas? Die Standarte ist nicht schwenkbar, das Objektivbrett ist aber wie üblich vertikal und horizontal verstellbar; die großzügige vertikale Verstellung erfolgt mittels Spindeltrieb, die horizontale Verstellung durch manuelles Verschieben.



Die Platine kann prinzipiell ausgewechselt werden, ist am vorliegenden Exemplar aber mit Schrauben fixiert. Montiert ist ein Rodenstock Eurynar 4,5/10,5, das gemäß Seriennummer aus dem Jahr 1930 stammen dürfte, in einem Ring-Compur aus der gleichen Zeit. Es muss nicht die originale Bestückung sein. Der Tragegriff befindet sich an der Oberseite; eine Libelle ist nicht vorhanden.
Vermutlich war es ein früherer Nutzer, der seitlich einen Newtonsucher mit blauer Linse aus dem Zubehörprogramm montiert hat; ob zuvor ein anderer Sucher vorhanden war, ist nicht erkennbar. Es finden sich keine Bohrungen, die auf einen Ikonometer, Brillantsucher oder einen anderen Newtonsucher hinweisen.

Der Falz ist so großzügig bemessen, dass vor die Mattscheibe die Plattenkassette eingeschoben werden kann. In den Falz passen Kassetten der KW Patent-Etui (Contessa-Falz), allerdings nicht zusammen mit dem Rückteil. Das vorhandene Mattscheibenrückteil (evtl. kein Originalteil) und die ebenfalls mitgelieferte Rollex-Kassette passen in die von Trio gebaute Rhaco-Präzisionskamera (--> https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...&thread=494).



Spreizen, Handhaben mit Standartenraste, Gestaltung der Laufschienen und der Asuzüge, der offenliegende Zahntrieb mit dem in den Laufboden eingelassenen Triebknopf, das federnd gelagerte Rückteil, die Gehäuseverriegelung usw. dürften klare Indizien sein, die eine Zuordnung der Kamera zur Fa. Linhof nahelegen. Die Kamera zeigt auch starke Ähnlichkeit mit der im Hausamann-Katalog 1926/27 abgebildeten Linhof Präzisions-Camera Hochformat (S. 149). Die Gehäuseabmessungen betragen 11 x 9 x 5 cm.
Interessanterweise trägt die Kamera aber weder eine Herstellerbezeichnung noch eine Seriennummer. Möglicherweise bietet das Objektiv hier einen Hinweis: Zumindest von Trio- und Feinak-Kameras ist bekannt, dass sie auch von Objektivherstellern wie Steinheil vermarktet wurden (Abb. Beenken, Teil 2, S. 31). Denkbar ist, dass die vorliegende Kamera an den Münchner Hersteller Rodenstock geliefert wurde, der sie mit einem Objektiv aus eigener Produktion – dem Eurynar – ausgestattet und unter eigenem Namen verkauft hat; einen Beleg dafür habe ich allerdings nicht.

--
Beste Grüße
Jan

Zuletzt bearbeitet am 12.07.26 11:07

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12.07.26 11:45
Freier-Sascha 

Moderator

12.07.26 11:45
Freier-Sascha 

Moderator

Re: Linhof (?) Präzisionskamera 6,5x9 Hochformat

Hallo Jan,
Von den Spreizen und dem Fokus-Einstellrad her würde ich auch sagen, dass deine Kamera von Linhof ist. Ich habe einige Linhof-Kameras dieser Generation / Bauart gefunden, an deren Fokus-Einstellrad keine Arretierung / Bremse vorhanden ist. Offensichtlich laufen die Schlitten so präzise, dass keine Bremse notwendig ist.
6,5x9 Hochkant-Kameras von Linhof habe ich einige gefunden. Nicht alle sind mit "Linhof" bezeichnet. Manche haben noch die alten, durchbrochenen Spreizen. Das Alleinstellungsmerkmal deiner Kamera ist, dass die "undurchbrochene Linhof-Spreize" nur einen Arretierungsschlitz besitzt. Alle anderen besitzen zwei. Also kann man die Kamera entweder in 90 Grad-Normalstellung des Laufbodens, oder mit komplett weggeklappten Laufboden benutzen. Letzteres kann man meines Wissens nur in Kombination mit starken Weitwinkel-Objektiven gebrauchen.
...weiter bin ich mit meinen Überlegungen nicht...
Gruss
Sascha

12.07.26 17:15
Jan_S 

Moderator

12.07.26 17:15
Jan_S 

Moderator

Re: Linhof (?) Präzisionskamera 6,5x9 Hochformat

Hallo Sascha,

vielen Dank für Deine Einschätzung! Interessant, dass man auf die Bremse/Arretierung verzichtet hat: Die Kamera ist zwar wirklich sehr präzise gebaut, aber der Fokus ist mittlerweile auch sehr leichtgängig, sodass er sich bei Einstellungen ab 10 m leicht selbst verstellt. Vielleicht hat man seinerzeit ein bestimmtes Fett benutzt? Eigenartig auch die Absenkung des Laufbodens ohne Arretierung der Spreizen. Auf jeden Fall ein bemerkenswertes Stück, und ich ahne schon, dass diese Münchner Kameras ein eigenes Sammelgebiet darstellen...

--
Beste Grüße
Jan

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