heute kann ich eine Kamera vorstellen, die in technischer Hinsicht zwar vollkommen unspektakulär daherkommt, aber doch vergleichsweise selten ist – und zwar so selten, dass auch in den einschlägigen Katalogen Abbildungen fehlen. Die Rede ist von der Ernette, einem Ernemann-Produkt, das erst in der Zeiss Ikon-Ära auf den Markt kam und nur sehr kurze Zeit im Handel war.
Es handelt sich um eine Boxkamera im Format 4,5x6, die ausschließlich für Filmpack bestimmt war; die betr. Kassette ist fest eingebaut, d.h. als Fach ausgeführt, das über eine angelenkte Rückwand zugänglich ist.
Ansonsten entspricht die Box weitgehend der an anderer Stelle vorgestellten Erni 4,5x6 (--> https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...4&thread=33). Sie besitzt ein mit Kunstleder überzogenes Holzgehäuse. Auf der Frontseite sitzt ein Dosenverschluss, der eine Momentzeit (ca. 1/25) und B liefert; das Objektiv ist die boxtypische Landschaftslinse 1:12,5. Wie bei späten Erni-Versionen ist der klappbare Rahmensucher als dünner Drahtrahmen ausgeführt und direkt an der Verschlussdose befestigt. Der Diopter ist an der Innenseite der Rückwand, die aus lackiertem Aluminium besteht, befestigt und ausziehbar.
Die Beschränkung auf den bequemen Packfilm dürfte an sich den Bedürfnissen der Zielgruppe entgegengekommen sein, dennoch war diese Kamera ein Nischenprodukt, dem kein großer Erfolg beschieden war. Zur zeitlichen Einordnung: Auf der Verschlussdose trägt sie den Ernemann-Schriftzug und das Malteserkreuz-Warenzeichen, sie ist aber erstmals – allerdings ohne Abbildung – in der Zeiss Ikon-Liste C219a (1927) gelistet. Als Zeiss Ikon-Kamera ist sie durch das ZI-Logo auf der Oberseite des Gehäuses ausgewiesen, auch wenn die Prägung im Kunstleder schlecht zu lesen ist.
Im Folgejahr war die Kamera schon nicht mehr lieferbar; Bernd K. Otto gibt im Carl Zeiss Kamera-Register als Verkaufszeitraum März bis Oktober 1927 an. Die Ernette wurde für 5,50 M angeboten. Das Modell Erni hingegen war noch bis Februar 1930 im Programm. War die Erni als Schülerkamera besser geeignet, weil Platten belichtet wurden, man den Umgang damit und die Entwicklung üben konnte und auch eine Mattscheibe eingesetzt werden konnte? Oder war es der Preis? Soweit ich sehe, kostete Ende der 1920er Jahre ein Filmpack mit 12 Blatt 2 bis 2,25 Mark und damit das Doppelte dessen, was für ein Dutzend Platten in 4,5x6 zu bezahlen war. Wie auch immer – derartige Boxkameras wurden ohnehin endgültig durch die Rollfilmboxen abgelöst.
Bemerkenswert ist, dass die Ernette in der Sammlerliteratur erwähnt wird, aber nicht abgebildet ist. Göllner hat in seinem Ernemann-Buch nur eine stilisierte Abbildung, die eine Erni mit angesetzter Packfilmkassette zeigt; die vorliegende Kamera besitzt aber gerade keine angesetzte Kassette, sondern im Gehäuse hinter der Rückwand ein Fach, in das das Filmpack eingelegt wird. Ich kann das leider nicht illustrieren, weil ich zwar ein paar Filmpackkassetten in 4,5x6 im Bestand habe, aber keine davon noch ein Filmpack enthält... Auch andere vermeintliche Ernette-Exemplare, die im Netz abgebildet sind, erweisen sich als Erni mit angesetzter Kassette.
Bernd K. Otto geht in einem Artikel über frühe Box-Kameras der ZI-Vorgängerfirmen (Photo-Deal 115 [2022], hier S. 73) auf die Ernette ein und bemerkt zum abgedruckten Foto aus einer Photographica-Auktion: „Vermutlich [!] handelt es sich bei dieser […] Aufnahme um die seltene Ernette“. In der Tat zeigt die Abbildung das hier vorgestellte Modell, aber nur von der Vorderseite. Wir haben hier im BZF nun die Gelegenheit, die Kamera von allen Seiten und im Detail zu sehen. Zur Vollständigkeit noch die Abmessungen: 92 x 80 x 57 mm, Gewicht 120 g.
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