Goerz (Taschen-)Tenax 6,5x9 (und ein Blick auf die Konkurrenzmodelle)
Hallo zusammen,
es wurden bereits einige Modelle aus der Kategorie der Präzisons-Spreizenkameras im Format 6,5x9 vorgestellt, es fehlt bislang aber die Goerz Tenax 6,5x9, auch als Taschen-Tenax bezeichnet.
Die Fokussierung erfolgt über eine Konstruktion, die Pritschow in seinem Standardwerk folgendermaßen erklärt: "Die im Kameragehäuse gelagerten Gelenke der Spreizen sind in Lagerstücken untergebracht, die sich im Kameragehäuse in Richtung der optischen Achse bewegen lassen, so daß durch Verstellung der dauernd im Kameragehäuse verbleibenden Lagerstücke der Abstand zwischen Objektiv und Bildebene entsprechend der jeweiligen Gegenstandsweite geändert werden kann" (S. 142). Die Entfernung wird auf dem Drehrad auf der Oberseite eingestellt, die Fokussierung kann auch vorab bei zusammengeschobener Kamera vorgenommen werden.
Die Taschentauglichkeit wird auch dadurch erreicht, dass alle Bedienungselemente versenkt angeordnet sind, es gibt kaum hervorstehende Teile. Blende und Zeit werden mit zwei in die Frontplatte eingelassenen Drehrädern eingestellt. Dazwischen ruht bei Nichtgebrauch der ausklappbare Newtonsucher. Die Frontplatte ist nicht verstellbar. Verschlussspanner und Auslöser befinden sich griffgünstig an der rechten Seite der Frontplatte. Das vorliegende Exemplar ist mit einem Dagor 6,8/10 in überbautem Compound ausgestattet. Das ist die zweitbeste Ausstattung; lieferbar war auch ein Dagor 4,5.
Die Kamera wurde im Zeitraum 1912–1926 gebaut und dann noch für kurze Zeit ins Programm von Zeiss Ikon übernommen. Interessanterweise haben auch späte Modelle noch den Compound verbaut, in den 1920er Jahren war eigentlich die Umstellung auf den Compur üblich. Auch im Zeiss Ikon-Katalog C219a von 1927 werden die Tenax-Modelle noch mit Compound angeboten; die Angabe bei Sylvain Halgand, um 1923 habe eine Umstellung auf den Compur stattgefungen (https://www.collection-appareils.fr/x/ht..._appareil=10983), scheint nicht zuzutreffen. Vermutlich hätte eine Änderung des Verschlusses eine Neukonstruktion der kompakten Frontplatte und der Bedienungselemente erforderlich gemacht.
Die Seriennummern legen für das vorliegende Modell ein Baujahr um 1923 nahe.
Da ich zu der Kamera nur eine Packfilmkassette besitze und Mattscheibenrückteile meiner anderen Goerz 6,5x9 hier nicht passen, gebe ich im Sinne der Vergleichbarkeit (s. unten) Maße und Gewicht für das bloße Gehäuse ohne Anbauteile an. Die Abmessungen des Gehäuses (ohne Anbauteile) betragen 13,8 x 10 x 3,5 cm, die Kamera wiegt 570 g.
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Re: Goerz (Taschen-)Tenax 6,5x9 (und ein Blick auf die Konkurrenzmodelle)
[Fortsetzung]
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf vergleichbare Modelle der Mitbewerber:
Die Plaubel Makina I (erschienen 1919; --> https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...&thread=108) hat ungefähr die gleichen Gehäuseabmessungen, wiegt aber gut 100 g mehr (684 g). Sie arbeitet nach dem Scherenspreizenprinzip; die Entfernung wird mit dem seitlich befindlichen Drehknopf eingestellt und auf einer Skala auf der Oberseite abgelesen. Die Kamera besitzt ebenfalls einen ausklappbaren Newtonsucher, zusätzlich aber einen Rahmensucher. Das hier verbaute Anticomar ist deutlich lichtstärker (beim vorliegenden Expl. 2,9/10, lieferbar seit 1926, zuvor war es ein 3/10), allerdings ist es bis zur Überarbeitung 1931 nur ein Dreilinser. Auch bei der Makina befindet sich der Auslöser rechts; die Spannung des Compurs wird über einen Drehspanner auf der Vorderseite vorgenommen.
Die dritte im Bunde ist die Ica Bébé 41, seit 1912 im Ica-Programm, hier in der Version vor 1925 (--> https://blende-und-zeit.sirutor-und-comp...&thread=229). Die Kamera ist deutlich weniger kompakt; sie misst im zusammengefalteten Zustand bei Einstellung auf unendlich immerhin 5 cm; da spielt es keine Rolle, dass das Gehäuse nur 12,5 cm lang ist. Die Kamera wiegt ohne Rückteil stolze 825 g.
Die Bébé besitzt Knickspreizen, und dieser Mechanismus ist nach meiner Wahrnehmung deutlicher umständlicher; an den Spreizen muss jeweils nachgeholfen werden. Die beiden anderen Kameras sind wesentlich schneller aufnahmebereit – das wurde ja als Vorteil der Spreizenkameras herausgestellt – und schneller wieder zusammengelegt. Die Entfernungseinstellung erfolgt über einen seitlichen Hebel, der auf einen Schneckengang wirkt. Das wiederum geht m.E. schneller als mit den Drehknöpfen/-rädern der Mitbewerber; die Entfernung kann komfortabel von oben abgelesen werden. Die Bébé ist nicht nur langsamer, sondern auch weniger taschentauglich, zumal diverse Teile überstehen. Andererseits bietet die Kamera mehr Möglichkeiten: Das Objektivbrett ist vertikal und horizontal verschiebbar, und es lassen sich Kassetten mit Anlegefalz anschließen.
Insgesamt sind die drei Modelle doch recht unterschiedlich. Qualitativ nehmen sie sich sicherlich nichts; alles sind sorgfältig konstruierte und sauber verarbeitete Präzisionskameras, das merkt man noch heute. Für welches Modell sollte man sich seinerzeit entscheiden? Ich habe mir für den Zeitraum 1922/23 folgende Preise notiert: Tenax 250,00 Mark, Makina 265,00 Mark, Bébé 285,00 Mark. Abgesehen vom Preis punktet die Tenax mit der Taschentauglichkeit. Für die Makina sprechen die Schnelligkeit (Bedienung und konkurrenzlose Lichtstärke). Die Bébé ist weder taschentauglich noch besonders schnell, besitzt aber Ausstattungsmerkmale, die sonst Laufbodenkameras vorbehalten sind.